Eine berufliche Veränderung ist für sich schon nervenaufreibend genug. Man muss sich auf eine neue Aufgabe einstellen, sich an ein neues Team gewöhnen und raus aus der Komfortzone. Als wäre das nicht schon genug spielt die COVID Krise nun auch noch mit uns macht alles noch schwerer. 

Neuer Job neues Glück

Als ich im Sommer diesen Jahres das Angebot bekam mich beruflich weiter zu entwickeln, machte ich mir zunächst keine großen Gedanken. Für mich ist ein Jobwechsel nichts neues, ich habe schon mehrere davon hinter mich gebracht und eigentlich auch immer genossen. Es hat etwas befriedigendes die alten Verantwortungen abzugeben und sich in etwas komplett Neues herein zu fuchsen. Auch die Zusammenarbeit mit einem neuen Team habe ich immer als spannend empfunden und viel Spaß beim Kennenlernen neuer Kollegen gehabt. Als es dann aber daran ging den Wechsel im Oktober zu vollziehen stand der zweite Lockdown vor der Tür.

Langsam machte sich in mir die Panik breit. In jedem anderen neuen Job war der erste Tag geprägt von Rundgängen bei sämtlichen Kollegen, Vorstellungsrunden bei Businesspartnern, der Übergabe von IT und Arbeitsplatz und jeder Menge Smalltalk. Doch dieses Mal war es anders, denn unsere Firma arbeitet seit März zu 60% im Homeoffice. Statt einem Rundgang wurde ich von der Handvoll Kollegen begrüßt, die noch im Büro verblieben waren – ein merkwürdiges Gefühl.  Und wenige Wochen später waren wir alle wieder vollständig im Homeoffice.

Mir geht es in dieser Situation wie vielen: Wie soll ich mich online in ein neues Team integrieren? Kann ich Face to Face Kontakte simulieren? Wie baue ich eine Beziehung zu Kollegen auf, die ich nie gesehen habe?

Diese neue Art sich auf einem neuen Job einzuarbeiten und sich digital in ein Team einzufinden hat mich vor einige Herausforderungen gestellt und mir auch vieles beigebracht.

Onboarding ohne Face-to-Face Kontakt – Missverständnisse vorprogrammiert

Es gibt ja scheinbar zwei Lager, wenn es um das Thema digitales Arbeiten geht. Einige verfechten die Meinung, dass eine Arbeit von Zuhause zu 100% möglich ist und sich nur die digitalen Analphabeten und Dinosaurier damit schwer tun das zu erkennen. Die andere Seite sieht den menschlichen Kontakt in Person als unverzichtbar an, da es nicht ersetzbar ist dem Gegenüber in die Augen schauen zu können.

Für mich liegt die Wahrheit dazwischen – ich muss niemanden befummeln um besser mit ihm Kommunizieren zu können. Allerdings baut man über Video nicht dieselbe Beziehung zu jemandem auf, als wenn man diese Person auch ab und an mal live gesehen hat. Auch Gespräche über Video sind formeller als in Person. Dies hat für mich viel mit der Körpersprache zu tun, denn ich verstehe jemanden im Gespräch besser, wenn ich seine Mikroausdrücke wahrnehmen kann. Viele dieser Ausdrücke gehen jedoch im Video verloren.

So habe ich in den letzten Wochen viele Missverständnisse erzeugt, erlebt und korrigieren müssen, die mir im live-Gespräch vermutlich nicht passiert wären. Humor wird in Telefonkonferenzen oft falsch verstanden oder geht komplett unter. Anmerkungen, die im natürlichen Gesprächsfluss eingestreut werden, werden in großen Runden übergangen oder nicht gehört.

Kennt man die Personen am Ende der Leitung nicht persönlich, dann sind auch die Eigenheiten in der Kommunikation eine Unbekannte, mit der man rechnen muss. Mir ist erst in dieser Zeit aufgefallen, wie wichtig es ist die Persönlichkeit und Eigenheiten eines Kollegen oder Businesspartners einschätzen zu können um die digitale Zusammenarbeit zu meistern.

Digitales Lernen ist schwieriger als lernen in Präsenz

Wer schon einmal in der Uni an einem Onlineseminar teilgenommen hat, der weiß wie schwer es ist sich auf ein neues und komplexes Thema zu konzentrieren, wenn man nicht beobachtet wird. In einer Vorlesung wie in einem Präsenzmeeting übt die Anwesenheit anderer Druck auf einen aus aktiv mitzuarbeiten und konzentriert zu bleiben. Im Homeoffice prüft das keiner und allein meine Disziplin ist dafür Verantwortlich, dass ich möglichst viel mitnehme.

Digitale Meetings haben nun einmal die Eigenheit, dass ich die Teilnehmer nicht direkt vor mir sitzen habe. Bei einem Präsenzmeeting sehe ich sofort, wenn anderen auch etwas unklar ist und fühle mich in meiner Nachfrage bestätigt. Sitze ich jedoch in einem Call mit 10 Leuten, dann steigt die Hemmschwelle für mich eine Frage zu stellen, wenn ich nicht weiß, ob ich mich damit blamiere. Natürlich sollte man sich nie davor verstecken nach zu fragen. Es liegt aber in der Natur des Menschen die Bestätigung in der Herde für eigene Taten zu suchen.

Mir war vorher nie bewusst, wie abhängig mein eigenes Verhalten in Lernsituationen von der Meinung Anderer im Raum ist. In 1:1 Sessions war dies kein Problem. Das Onboarding in größeren Teams war für mich jedoch eine Herausforderung, bei der ich oft über meinen Schatten springen musste. Wenn man nicht wahrnehmen kann, ob andere ein ähnliches Verständnisproblem haben, dann fühlt man sich sehr schnell viel dümmer als der Rest des virtuellen Raumes wenn man eine Frage stellt. Und was gibt es unangenehmeres, als wenn man sich als Neuling im Team gleich als „die dumme“ fühlt?

Social Onboarding ist das A und O beim Jobwechsel

Da ich den Großteil meiner Zeit bei der Arbeit verbringe ist auch mein soziales Umfeld stark davon geprägt. Meine Kollegen sind in vielen Fällen mehr als nur das. Aus einigen beruflichen Verbindungen entwickeln sich vertrauensvolle Beziehungen, die den Alltag bereichern und ein soziales Ventil bieten. Wird man nun in ein neues Umfeld versetzt geht die Suche nach sozialen Anknüpfungspunkten wieder bei Null los.

Die Tools, die wir heute haben sind wirklich hilfreich. Trotzdem baue ich zu niemandem im Internet so schnell eine Bindung auf wie in Person. Ohne den spontanen Kaffee, den tratsch am Kopierer oder der lockeren Mittagsrunde fehlt eine Schlüsselkomponente. Das „Social Onboarding“ ist für mich der Faktor, der mich in ein Team integriert und nachdem man sich zugehörig und wohl fühlt.

Es ist eine schwierige Aufgabe dies digital nachzuahmen. Ich habe versucht virtuelle Kaffeepausen und spontane informelle Calls zu nutzen. Der direkte Kontakt fehlt mir trotzdem sehr.

Vor allem, wenn es in beruflichen Fragen kritisch wird sind Beziehungen essenziell. Wenn die Gelegenheiten diese aufzubauen eingeschränkt sind, dann ergeben sich die Probleme langfristig und im schlimmsten Fall zu spät.

Fazit

Es ist durchaus möglich sich aus dem Home Office in einen neuen Job oder eine neue Aufgabe einzuarbeiten. Das fordert mehr Disziplin als im traditionellen Vor-Ort-Setting, ist aber machbar und unter den Umständen von COVID absolut notwendig. Schließlich müssen wir als Bürohengste diejenigen schützen, die nicht von Zuhause arbeiten können und offen gestanden systemrelevanter sind als wir Slide-Äffchen und Excel-Schieber. Allerdings fehlt die persönliche Komponente in der Pandemie. Ich glaube zu ihrem neuen Team werden sich sämtliche Corona-Jobwechsler sozial erst so richtig zugehörig fühlen, wenn wir wieder die heiligen Hallen der Kaffeeküchen und Kantinen wieder für informellen Austausch nutzen können.